Der blinde Fleck im Konfliktgespräch

blinde Fleck
Lesezeit: 6 Minuten

Wer im Glashaus sitzt wirft gern mal mit Steinen

Schubladendenken, Vorurteile und Eindrücke prägen unser Bild von Kollegen, Vorgesetzten und auch Azubis. Mit anderen Worten: hier schlummert der „blinde Fleck“. Damit ist ein Aspekt der eigenen  Persönlichkeit gemeint, der einem selbst überhaupt nicht bewusst ist. Man könnte ihn auch den „wunden Punkt“ nennen. Allerdings ist das Schwierige an blinden Flecken, dass nur wir sie selbst nicht wahrnehmen, die Anderen aber schon. Das führt schnell zu Konflikten. Dabei werden uns die blinden Flecken vorgeführt, da wir sie nicht sehen, verstehen wir die Vorwürfe nicht.

Wenn wir mal davon ausgehen, dass jeder Mensch einen „blinden Fleck“ hat, dann droht die Gefahr, dass sich im Berufsalltag mit Kollegen und Mitarbeitern herrlich miteinander streiten lässt. Obendrein, ohne dass wir von unseren eigenen Unzulänglichkeiten etwas mitbekommen.

Das heißt, dass wir über Kleinigkeiten streiten ohne den Kern des Konfliktes zu sehen. Erst wenn der Kollege, die Führungskraft oder der Ausbilder die Wurzel seiner eigenen Unzulänglichkeit erkannt hat, ist man bereit etwas an seinem Verhalten zu ändern. Übrigens, die Krux an der Sache: Man wird den blinden Fleck seines Gegenübers schneller entdecken als den eigenen. Das führt dann dazu, dass man vorschnell mit „Steinen“ auf den anderen wirft, ohne zu merken, dass man selbst im „Glashaus“ sitzt.

 

Streit deckt den blinden Fleck auf

Während eines handfesten Streits ist unser Gegenüber meistens ehrlich mit seiner schonungslosen Sicht. Allerdings kann dies im Konflikt eine verletzende Waffe sein. Daher kann die Fragestellung hilfreich sein: Wie fühle ich mich in Gegenwart meines Kollegen oder meiner Führungskraft? Um den blinden Fleck der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, braucht man einen Spiegel. Einen Menschen, der objektiv ist und ehrliches Feedback geben kann. Das allein reicht jedoch nicht: Man braucht außerdem auch Mut und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Umso mehr können wir dann auch Erkenntnisse darüber gewinnen, wie weit unser Selbstbild und unser Fremdbild übereinstimmen.

 

Der blinde Fleck im Selbst- und Fremdbild

Das Johari-(Wahrnehmungs-)Fenster, benannt nach den Autoren Joe Luft und Harry Ingham, ist ein einfaches graphisches Modell, das die Veränderungen von Selbst- und Fremdwahrnehmung darstellt.

Quadrant A: Ist der Bereich der freien Aktivität, der öffentlichen Sachverhalte und Tatsachen, wo Verhalten und Motivationen sowohl mir selbst bekannt als auch für andere wahrnehmbar sind. Hier ist es hilfreich die Fremdwahrnehmung zu schärfen. Wie sehen die anderen mich selbst? Welche Eigenschaften erkennen die anderen in meiner Person? Wo sehen die anderen mich in der Zukunft?

Quadrant B: Das ist der Bereich des Verhaltens, der mir bekannt und bewusst ist, den ich aber anderen nicht bekannt gemacht habe oder machen will. Dieser Teil des Verhaltens ist für andere verborgen oder versteckt. Hier ist es hilfreich die Selbstwahrnehmung zu schärfen. Wie sehe ich mich selbst? Welche Eigenschaften zeichnen mich aus? Wo sehe ich mich in der Zukunft?

Quadrant C: Ist der „blinde Fleck“ der Selbstwahrnehmung, d.h. der Teil des Verhaltens, der für andere sichtbar und erkennbar ist, mir selbst hingegen nicht bewusst. Dabei geht es um Abgewehrtes, Vorbewusstes und nicht mehr bewusste Gewohnheiten. Allerdings können sich die blinden Flecken durch das Annehmen von Feedback verringern.  Umso mehr wir bereit sind über die Rückmeldungen nachzudenken, je mehr Vertrauen entwickeln wir darin, dass das Feedback konstruktiv gemeint ist. Aber auch wenn man selber Feedback gibt, gibt man etwas von sich preis und vergrößert damit den Bereich, in dem man „öffentliche Person“ ist. Wenn man zum Beispiel sagt: „Mich ärgert das gelegentliche Zuspätkommen von Besprechungsteilnehmern“, legt man damit offen, dass Pünktlichkeit ein wichtiger Wert für einen selber ist.

Quadrant D: Er erfasst Vorgänge, die weder mir noch anderen bekannt sind und sich in dem Bereich bewegen, der in der Tiefenpsychologie „unbewusst“ genannt wird. Dieser Bereich wird in der Regel durch Feedback nicht bearbeitet.

 

Typische blinde Flecken, die im Konfliktgespräch stören

Rechthaberei

Hier scheint jemand ganz genau zu wissen, wo es im Leben lang geht. Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur sind Vorbilder an Selbstdisziplin. Sie haben einen hohen Anspruch an sich selbst und an andere, sind ehrgeizig und zielstrebig, sie haben Ziele – und die Dinge unter Kontrolle. Wer die Messlatte für sich selbst und andere unerreichbar hoch hängt, wird permanent unzufrieden sein. Schließlich können, unter diesen Umständen, die anderen nie etwas recht machen. So werden die anderen kontrolliert, kritisiert und heruntergeputzt. Schließlich weiß man ja selber alles besser und möchte permanent Recht haben. Der Mensch mit diesem blinden Fleck hat irgendwann in seinem Leben die Erfahrung gemacht, dass die eigene Leistung niemals ausreicht, um anerkannt und geliebt zu werden. Daraus hat er die Strategie entwickelt, sich selbst immer alles abzuverlangen – leider auf Kosten der Lebensfreude. Im Konfliktgespräch könnte man loben und versichern, dass 90 Prozent manchmal auch genügen.

Manipulation

Am Anfang hilft man ungefragt, kümmert sich um seine Mitmenschen und tut alles dafür, damit die anderen glücklich sind. Früher oder später jedoch klebt die geballte Aufmerksamkeit wie Kaugummi. Schließlich wird sie zäh, weil die Eigenständigkeit der anderen verloren geht. Dabei ist man ja immer eine Idee schneller als die anderen. Es fällt auf, dass dieser Mensch zwar geben, aber nicht nehmen kann. Wer alle anderen verwöhnt und sich selbst dabei vergisst, wird manipulativ. Infolgedessen spüren die anderen, dass sie sich nie in dem Maße revanchieren können, wie sie es gerne hätten. Das ständige „Ich meine es ja nur gut“ hängen einem irgendwann zum Hals raus. Wahrscheinlich hat diese Person die Erfahrung gemacht, keine wirkliche Daseinsberechtigung zu haben. Daraus hat er die Strategie entwickelt, sich durch aufmerksames und altruistisches Handeln Anerkennung zu „erkaufen“. Im Konfliktgespräch könnte man das Gefühl vermitteln, dass der Gesprächspartner, auch ohne etwas zu tun, erwünscht ist.

Eigenbrötlerei

Ein kluger Kopf, genügsam pragmatischer und ein handfester Zeitgenosse. Genz nach dem Motto: „Wissen ist Macht“. Allerdings schaffen es nur wenige Kopfgenies ihr Wissen verständlich zu machen und andere Menschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Häufig bleibt der Gefühlsaustausch auf der Strecke, genauso wie die Fähigkeit zum Genuss. Der Zufluchtsort ist im eigenen Kopf – und da ist man lieber allein. Diese Person hat wahrscheinlich früh die Erfahrung gemacht, dass sein Bedürfnis nach Raum und Freiheit nicht respektiert wurde. Daraus entwickelte sich die Strategie, sich aus allem rauszuziehen, um bloß nicht wieder bedrängt zu werden. Er will selbst entscheiden können, wann Nähe okay ist und wann nicht. Im Konfliktgespräch könnte man Schritt für Schritt und langsam seine eigene Meinung kundtun.

Streitlust

Dieser Mensch hat Feuer und lässt das auch raus. Er ist ein Freidenker und Rebell. Sagt man „rot“, sagt der andere „blau“. Das Prinzip Contra lebt, immer und überall. Sich im Leben durchzubeißen, gegen Widerstände zu kämpfen und gewinnen zu wollen, sind gute Qualitäten. Doch der ständige Kampf macht auf Dauer mürbe. Irgendwann strengt es nur noch an, die Boxhandschuhe anziehen und in den Ring steigen zu müssen. Als Gesprächspartner fühlt man sich, als müsste man stetig auf der Lauer liegen – weil man nicht weiß, wann der andere wieder angreift. Diese Person hat früh im Leben die Erfahrung gemacht, dass sie um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Im Konfliktgespräch braucht es unbedingt Grenzen und das Gefühl sich einem geschützten Rahmen bewegen zu dürfen.

Konfliktvermeidung

Es handelt dich hier um eine bescheidene und selbstzufriedene Person. Sie spielt sich nicht in den Vordergrund, macht alles mit und macht nichts im Alleingang. Kurzum, ein ruhender Pol in der Brandung des Lebens, dem es im Handumdrehen gelingt, hitzige Gemüter zu beruhigen und Konflikte im Keim zu ersticken. Doch irgendwann nervt es, wenn der Gesprächspartner mal wieder abtaucht, wenn es um die Wurst geht. Ein Mensch, mit dem man nicht streiten kann, weil er bereits den Raum verlassen hat, kann irre wütend machen. Die eigene Position klarzumachen und für die eigene Haltung einzustehen, fällt dieser Person schwer.  Mit der Zeit wird man es leid ständig der Motivator sein zu müssen und das „Handeln durch Nicht-Handeln“ des anderen zu kompensieren. Menschen, mit denen man nicht streiten kann, sind Energieräuber auf höchstem Niveau. Wahrscheinlich haben diese Personen früh in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass es eben nicht um sie geht. Dass sie übersehen werden. Daraus ist die Strategie entstanden, sich aus allem rauszuhalten und bloß kein Aufsehen zu erregen. Im Konfliktgespräch kann man diesen Gesprächspartnern vermitteln, dass sie wirklich wichtig sind und ohne deren Meinung  es nicht weitergeht.

 

Wie kann man blinde Flecken sichtbar machen?

Durch Feedback können Sie erfahren, wie Sie mit allen Ihren Verhaltensweisen, auch den non- oder paraverbalen, auf andere Menschen wirken. Sie können so auch Erkenntnisse darüber gewinnen, wie weit Ihr Selbstbild und Ihr Fremdbild übereinstimmen oder voneinander abweichen. Je einflussreicher allerdings Ihre Position, desto geringer ist in der Regel Ihre Chance, über Ihr eigenes Verhalten und dessen Wirkungen eine offene Rückmeldung zu erhalten.

Vor einem Konfliktgespräch stellt sich die Frage: Wie reagieren Sie mit Ihrem Konfliktstil auf Ihre Umwelt? Im Gespräch selber lohnt es sich Ich- und Du-Botschaften zum Beispiel mit der SAGES-Methode in den Griff zu bekommen. Überdies ist es lohnenswert über das „Aktive Zuhören“ Gefühle offen anzusprechen. Wie beispielsweise in einem Kritikgespräch ist es wichtig zu erfahren, was zukünftig anders werden soll, anstatt auf vergangene Dinge herumzureiten. Unter dem Strich gibt es jede Menge unterschiedliche Feedback-Techniken, die blinde Flecken sichtbar machen können.

Fazit: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“

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