Diese 8 Beurteilungsfehler als Prüfer vermeiden!

Hallo an alle Berufs- und Weiterbildungspädagogen. Im Themenfeld: „Prüfungsgestaltung“ gehen wir heute der Frage auf den Grund: Wie können Prüfer auf Beurteilungsfehler reagieren?

Welche Anforderungen werden an Prüfer gestellt?

Marcel: Wir hatten ja letztens geklärt, dass von den Prüfern verlangt wird, dass sie sowohl sachkundig als auch geeignet sind.

Silke: Ja, und sachkundig ist, wer das erforderliche berufliche Wissen und Können besitzt, um im Rahmen der Abschluss- bzw. Fortbildungsprüfung prüfen zu können.

Katharina: Und außerdem müssen alle Prüfungsausschussmitglieder gemeinsam alle Gebiete abdecken. Nur dann sind sie in der Lage, am Ende des Prüfungsvorgangs verantwortungsvoll über das Ergebnis abzustimmen.

Andreas: Und bei der Abstimmung über das Prüfungsergebnis unterliegen natürlich auch Prüfer Beurteilungsfehlern.

 

Muss ich als Prüfer Angst davor haben, Beurteilungsfehler zu machen?

Katharina: Wenn ich jetzt Prüfer bin, muss ich Angst davor haben, Beurteilungsfehler zu machen?

Andreas: Nein, ganz und gar nicht, weil wir ganz automatisch, ich nenne es mal Beurteilungseffekten, unterliegen. Eigentlich sind es keine Fehler, die wir versuchen zu vermeiden. Sondern eher Beurteilungseffekte. Und es geht eher darum, diese zu erkennen und eine Taktik zu haben, wie man damit umgeht.

Katharina: Na das beruhigt mich ja.

Silke: Ich würde mal sagen, einige Prüfer stehen unter Zeitdruck, andere bewerten streng und wieder andere übernehmen einfach die Meinung der Prüferkollegen.

Andreas: Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Beurteilungsfehlern. Demzufolge ist es nicht sinnvoll eine erschöpfende Fehlerliste aufzuzeigen. Deshalb nehmen wir hier die gängigsten Beurteilungsfehler etwas genauer unter die Lupe.

Katharina: Und wie gehen wir da jetzt am besten vor?

 

Welche Beurteilungsfehler gibt es?

Andreas: Ich benenne jetzt erst einmal den entsprechenden Beurteilungsfehler und stelle dazu eine passende Frage. Wenn man diese Frage mit „Ja“ beantworten kann, dann unterliegt man diesem Beurteilungseffekt.

Katharina: Alles klar, dann leg mal los.

 

Effekt der Sympathie und Antipathie

Andreas: Als erstes haben wir den Effekt der Sympathie und Antipathie. Dieser Effekt wirkt aus dem Unbewussten und lässt sich kaum ausschließen. Reagieren wir auf die Fragen: Ist mir der Prüfling einfach nur sympathisch? Oder kann ich den Prüfling schlecht leiden? – dann unterliegen wir diesem Effekt.

 

Vorurteile gegenüber Prüflingen

Marcel: Was ist, wenn man Prüfer sagen hört: „Lange Haare, kurzer Verstand.“, oder „Die heutigen Absolventen sind bequemer als frühere.“

Silke: Sind das nicht Vorurteile gegenüber Prüflingen?

Andreas: Genau. Diese und andere Vorurteile beruhen auf positiven oder negativen Erfahrungen der Beurteiler. Dabei übernimmt man schnell die Aussagen der herrschenden Meinung. Reagieren wir auf die Fragen: Welche Erfahrungen habe ich mit dieser Art von Prüfling schon einmal gemacht? Oder was halte ich generell von einem Prüfling wie ihm? – dann unterliegen wir auch diesem Effekt.

 

Der Überstrahlungs- bzw. Halo-Effekt

Katharina: Kennt ihr das, wenn man manchmal von einem Merkmal einer Person besonders stark beeindruckt ist. Von solch einer Eigenschaft ist man dann so fasziniert, dass auf den ersten Blick gar nicht auffällt, wie damit alle anderen Eigenschaften der Person „überstrahlt“ werden. Wie nennt man diesen Beurteilungseffekt?

Marcel: Heißt dieser Beurteilungsfehler nicht Überstrahlungs- bzw. Halo-Effekt?

Andreas: Genau. Das altgriechische Wort „Halo“ bezeichnet den Hof um eine Lichtquelle. Ins Auge jedoch fällt nur die Lichtquelle. Reagieren wir auf die Frage: Was ist aus meiner Sicht typisch für diesen Prüfling? – dann unterliegen wir dem Halo-Effekt.

Silke: Ein Prüferkollege hat mal zu einem Prüfling gesagt. „So werden Sie ihre Prüfung nie bestehen!“. Was ist das für ein Beurteilungsfehler?

 

Das Andorra-Phänomen

Andreas: Es geht um das Andorra-Phänomen. Benannt wurde der Effekt nach dem Drama Andorra des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Kurzum: „Man wird so, wie man beurteilt wird“. Die Aussage: „So werden Sie ihre Prüfung nie bestehen!“ ist eine, sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die Erwartungen, die ein Prüfer in den Prüfling setzt, beeinflussen deren Verhalten.

Katharina: Ja, das kenne ich auch. Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter neu in einem Betrieb anfängt und die Führungskraft ihm noch keine Fähigkeiten zutraut, macht er ihm jeden Handgriff genau vor. Nach einiger Zeit ist der Mitarbeiter selbst der Ansicht, dass er eigentlich unfähig ist, selbständig zu arbeiten und erledigt seine Arbeiten nur noch so, wie die Führungskraft sie vorgibt.

Silke: Ja, und dadurch wird das Bild der Führungskraft bestätigt, dass der neue Mitarbeiter zu keinem selbständigen Arbeiten in der Lage ist. Wie wird die Führungskraft den neuen Mitarbeiter wohl bewerten?

Andreas: Reagieren wir auf die Fragen: Was habe ich ursprünglich vom Prüfling erwartet? – oder – Inwiefern hat der Prüfling meinen Erwartungen entsprochen? – dann unterliegen wir dem Andorra-Phänomen.

Marcel: Manche Prüfer haben schon mal die Erfahrung gemacht, dass sie sich aufgrund ihrer persönlichen Sichtweise nur einen kleinen Teil der persönlichen Eigenschaften des Prüflings für seine Bewertung ausgewählt haben.

Katharina: Naja, dann machen diese Prüfer dementsprechend diese wenigen Informationen zur Grundlage ihres Urteils.

Andreas: Ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Dieser Beurteilungseffekt nennt sich Selektive Wahrnehmung, bzw. Aufmerksamkeitsblindheit. Reagieren wir auf die Frage: Welche Bemerkungen sind mir beim Prüfling besonders aufgefallen? – dann unterliegen wir diesem Effekt.

Silke: Ich habe mal was von den drei Tendenzen gehört. Die Strenge, die Milde und die Mitte.

 

Die Tendenz zur Strenge

Katharina: Wer kennt das nicht. Bei der Tendenz zu Strenge sagt sich der Prüfer: „Wenn ich ein „sehr gut“ gebe, dann wäre der Prüfling ja besser als ich“.

Marcel: Ja, aber bei der Bewertung von Prüflingen geht es nicht um die eigene Leistung des Prüfers, sondern darum, was man von einem Prüfling erwarten kann.

Andreas: Wenn man also auf die Frage reagiert: Erwarte ich mehr von dem Prüfling, als von mir selbst? – unterliegt man diesem Effekt.

 

Die Tendenz zur Milde

Silke: Es gibt aber auch die Tendenz zur Milde. Dabei nimmt man zu viel Rücksicht auf seine Prüflinge. Hierdurch ist das, Anspruchsniveau faktisch niedriger.

Andreas: Die Gründe können hier sehr unterschiedlich sein. Zum einen möchten manche Prüfer einfach einer Diskussion aus dem Weg gehen und zum anderen den Prüfling nicht „schaden“. Fragt man sich: Befürchte ich mit meiner Beurteilung unangenehme Folgen für den Prüfling? – dann unterliegt man diesem Effekt.

 

Die Tendenz zur Mitte

Katharina: Dann nehme ich doch lieber die goldene Mitte.

Marcel: Wenn das mal immer so gut wäre. Leider ist die goldene Mitte nicht immer sinnvoll. Vor allem, wenn es um Bewerten von Prüfungsleistungen geht. Durchschnittliche Bewertungen entstehen aus der Neigung, extrem gute bzw. schlechte Bewertungen vermeiden zu wollen.

Silke: Genau, das kommt insbesondere bei einem Bewertungsbogen mit einer ungeraden Skala vor. Hier wird dann vom Prüfer die Mitte angekreuzt. Wenn man sich denkt: Um Diskussionen zu vermeiden, gebe ich lieber eine Durchschnittsbewertung. – oder – Ich gehe einem positiven oder negativen Urteil lieber aus dem Weg. – dann unterliegt man diesem Effekt.

Katharina: Das waren jetzt aber jede Menge Beurteilungsfehler. Andreas, kannst du das für uns bitte nochmal kurz zusammenfassen.

 

Zusammenfassung der Beurteilungsfehler

Andreas: Gerne. Fassen wir die bisherigen Beurteilungseffekte zusammen:

  1. Sympathie und Antipathie
  2. Vorurteile
  3. der Halo-Effekt
  4. das Andorra-Phänomen
  5. die selektive Wahrnehmung
  6. die Tendenz zur Strenge
  7. die Tendenz zur Milde und
  8. die Tendenz zur Mitte

Dabei sind das noch nicht alle Beurteilungsfehler, die es gibt. Zum Einstieg soll dies aber erst einmal reichen.

 

Video: Diese 8 Beurteilungsfehler als IHK-Prüfer vermeiden!

 

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